Der Sport steht zwar auf dem Felde still, jedoch nicht in unseren Herzen. Deswegen haben wir Marco Lindau eingeladen, sich für ein Interview Zeit zu nehmen.

 
1. Unseren Recherchen nach, hast Du schon einige sportliche Meilensteine in deinen jungen Jahren erreicht. Unter anderem warst/bist Du Schiedsrichter bei TUS und SC Magdeburg. Du kennst also beide Seiten der Medaille. Bist Du daher in Sachen Schiedsrichter, deren (Un)parteilichkeit dann eher kritischer oder doch gelassener aufgestellt, wenn Du nun am Seitenrand als Trainer stehst?
 
Ich denke, dass ich ein sehr schwieriger Trainer bin. Ich bin laut und voller Emotionen. Ich schreie gern auch mal durch die ganze Halle, wenn mir eine Entscheidung nicht gefällt. Allerdings hatte ich mir zu dieser Saison vorgenommen, nicht unbedingt ruhiger, aber sachlicher zu werden. Und bei insgesamt 20 Spielen (F1 und F2) als Trainer habe ich lediglich eine gelbe Karte erhalten. Im Vergleich zu den Vorjahren, eine 1.000% ige Gradwendung. Aber grundsätzlich denke ich, dass ich den Schiedsrichtern immer sehr kritisch gegenüberstehe, egal ob Jungschiedsrichter oder erfahrene Gespanne. Wenn ich aus meiner SSR-Sicht eine Situation anders geahndet hätte, lasse ich den Schiedsrichter das auch wissen, und alle anderen.
 
2. Du bist Trainer der Ersten Frauen des Barleber HC. Kannst Du uns etwas über den Weg dorthin erzählen?
 
Ich bin zur Saison 18/19 nach Barleben gekommen. Meine Schwester ist dort bereits seit einigen Jahren die Torfrau. Ich wusste also bereits frühzeitig, dass die Mannschaft zur neuen Saison ohne Trainer da steht. Und da ich zu dem Zeitpunkt verfügbar war, war für mich schon klar, dass die Anfrage kommen wird. Ich habe damals die Entscheidung aber meiner Frau überlassen. Die Familie war es damals, weswegen ich meine Trainertätigkeit bei TuS 1860 Magdeburg 2016 aufgegeben habe. Sie gab aber das OK, und so bin ich in Barleben gelandet. Die Mannschaft selbst hat sich seit einigen Jahren so gut wie nicht verändert, sodass ich fast alle Spielerinnen kannte. Die Mädels machten mir den Einstieg aber auch sehr leicht und nahmen mich mit offenen Armen auf.
 
3. Oft müssen Trainer mit Kritik umgehen, sowohl von Spielern oder Eltern oder auch in deiner Funktion als Schiedsrichter hat man wahrscheinlich mal den allergrößten Respekt für die Arbeit oder wird auch beschimpft.
 
Am Ende sollte es jedoch um den uns alle verbindenden Sport gehen. Darum möchten wir gern von dir erfahren: Welches war das beste Kompliment, was Du in deiner sportlichen Laufbahn bekommen hast.
Komplimente habe ich viele bekommen. Sowohl als Trainer, als auch als Schiedsrichter. Mir sind aber jeweils 2 Situationen in Erinnerung, die ich nicht vergessen werde und auf die ich auch stolz bin. Im letzten Jahr stand ich mit den Barleberinnen im Halbfinale des Nordpokal. Gegner war der Dauerrivale von Post SV und in der Situation das Non-Plus-Ultra der Liga. Doch die Mannschaft besiegte den Favoriten und wir zogen ins Finale ein. Die Aussagen nach dem Spiel und auch die Glückwünsche einige Tage später waren Balsam auf der Seele. Doch wenn der gegnerische Trainer nach dem Spiel zu dir kommt, dir in die Augen schaut und sagt: "Wir haben richtig gut gespielt, aber ihr wart einfach besser. Von Herzen gratuliere ich dir und der Mannschaft zum Einzug ins Finale." Ich merkte damals, dass er es Ernst meinte und nicht einfach nur dahersagte.
Die 2. Situation ist schon einige Jahre läger her. Ich meine, es war 2012 oder 2013. Damals war ich als Schiedsrichter beim BördeCup aktiv. Ich leitete das Spiel HSV Magdeburg gegen eine Düsseldorfer Mannschaft (glaube ich). Beim HSV damals noch aktiv, die Tochter von Stefan Kretschmar. Das Spiel verloren die HSV-Mädels knapp mit einem Tor. Doch, wie letztes Jahr im Halbfinale, kam Kretsche, der als Zuschauer da war, nach dem Spiel auf mich zu, schüttelte mir die Hand und sagte: "Beste Schiedsrichterleistung in diesem Turnier." Und wieder war es der Blick, der mir sagte, er meint das Ernst, und nicht nur ironisch. Im Anschluss haben wir uns dann noch bei einer Bratwurst locker unterhalten. Das war schon ein geiler Moment, muss ich sagen.
 
4. Derzeit könnt ihr nicht trainieren und es ist auch so, dass der Handballbetrieb für die Saison eingestellt wurde. Spielerinnen im Jugendbereich bekommen hier und da sportliche Hausaufgaben. Wie geht ihr als Mannschaft damit um? Welche Pläne habt ihr dann aktuell?
 
Pläne gibt es aktuell keine. Einige Spielerinnen halten sich selbstständig mit Joggen fit, andere wiederum machen hin und wieder eine Radtour. Aktuell heißt es nur, abwarten, wie es weitergeht. Grundsätzlich ist in unserer WhatsApp-Gruppe aber auch eher ruhig, im Vergleich zu vor der Corona-Krise.
 
5. Wir können uns vorstellen, dass Trainer zu sein und sich darauf vorzubereiten und nach dem Spiel dieses zu analysieren und alles nachzubereiten ein guter Ausgleich ist zum Alltag. Welchen Ausgleich findest Du jetzt für dich?
 
Ganz ehrlich. Keinen. Für mich ist Handball auf einer Schwelle mit der Familie. Doch vor einigen Monaten musste ich eine Entscheidung treffen, die nur eine Möglichkeit hatte. Meine Familie, besonders meine Tochter, braucht mich derzeit, sodass ich die Damen vor einigen Wochen informiert habe, dass ich zur neuen Saison nicht zur Verfügung stehe. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum es keinen Trainingsplan gibt. Aber ansonsten ja. Ich bin quasi ein Workaholic. Bei mir muss immer was los sein. Seit Anfang März bin ich mit den Kids nun im Homeoffice und merke, dass die Laune schlechter wird, man ist schneller gereizt und auch das zwischenmenschliche kommt auf Grund meiner Arbeitsteilung auch viel zu kurz. Ich vermisse den Kontakt, nicht nur zu meinen Damen, sondern auch zu meinen Freunden und Kollegen.
 
6. Welche Vorbilder hast Du und gibt es vielleicht eine Persönlichkeit, die Du gern mal treffen würdest, selbst, wenn diese nicht mehr unter uns ist? (Und warum)
 
Ich muss gestehen, ich habe keine Vorbilder. Aber ich bewundere Sportler, die mit ihren Fähigkeiten, für uns unmögliche Dinge machen und es ganz einfach aussehen lassen, und das Sportartübergreifend.
Am 28.10.18 spielte ich mit den Barleberinnen beim BSV 93 Magdeburg. Trainer damals war Jürgen Pilz. Jürgen verstarb wenige Tage völlig überraschend. Hätte ich damals gewusst, dass dies unsere letzte Begegnung ist, hätte ich diesen Moment gern anders genutzt. Jürgen hat mir vor 14 Jahren das "Trainer 1x1" beigebracht. Ich habe in all den Jahren immer zu ihm aufgeschaut und auch einiges abgeguckt. Auch privat war er für mich immer da, wenn es mir mal nicht gut ging. Sportlich gesehen, würde ich also Jürgen gern nochmal wiedersehen. Aber ich denke, da bin ich nicht der Einzige.
 
7. Raum für ein paar private Zeilen für dich:
 
Ein paar private Zeilen. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Als erstes möchte ich meiner Frau danken, die meinem Freigeist nicht im Wege steht und immer alles so dreht, dass ich meiner Dinge nachgehen kann. Ein Dank auch an meine Eltern und meiner Schwester, die im Notfall immer da sind, auch wenn es nur mal darum geht, die Kids zu betreuen, nur weil ich mal wieder mit dem Handball unterwegs bin oder sonst was zu tun habe.
Danke an meine Mädels vom BHC, die mich damals sofort willkommen geheißen haben. Der aktuelle Abschied fällt mir verdammt schwer. Durch die Zwangspause werde ich zumindest nicht täglich dran erinnert. Allerdings weiß ich nicht, wie das ist, wenn die neue Saison startet, oder wenn man sich dann doch noch ein letztes Mal zu einer Feier sieht. Es ist echt schwer.
Ansonsten möchte ich all denen danken, die bis hierher mich ertragen haben. Sei es als Trainer, als gegnerischer Trainer oder als Schiedsrichter. Ich bin Sternzeichen Löwe, zurückstecken gilt für mich nicht. Ich bin manchmal kompliziert und ein kleiner Choleriker, aber im Grunde ein anständiger Junge. Viele wissen, dass man mit mir Bäume ausreißen könnte.
Vielen Dank an Sportblog-MD für dieses tolle Interview. Dank euch, wird unsere Sportart in unserem Bereich toll in Szene gesetzt.